{"id":632,"date":"2011-08-08T23:51:40","date_gmt":"2011-08-08T21:51:40","guid":{"rendered":"http:\/\/sternstaub.org\/blog\/?p=632"},"modified":"2014-02-12T23:07:37","modified_gmt":"2014-02-12T21:07:37","slug":"diebstahl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sternstaub.org\/blog\/?p=632","title":{"rendered":"Diebstahl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">ein Lebtag habe ich noch nichts gestohlen, heute ist das erste Mal. Ich laufe zum Bus, der mich zur U-Bahn bringen soll. In der Plastikt\u00fcte an meiner Hand d\u00fcmpelt eine Langspielplatte.<br \/>\n\u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist in deiner Haut, ich hab nur auf den Augenblick vertraut\u2019.<br \/>\nVerdammt, wie konnte ausgerechnet mir das passieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lud mich zum Essen ein, Sauerbraten und Kl\u00f6\u00dfe wollte er kochen. Ich kenne ihn vom Schreiben \u00fcber ICQ, vom Chatten, einmal habe ich ihn pers\u00f6nlich getroffen. Er wollte mir alte PC-Teile schenken. Ein Freund fuhr mich hin und wir wurden \u00fcberrascht. Im Wohnzimmer war der Tisch gedeckt &#8211; neben trockenem Wei\u00dfwein und einer Karaffe Wasser stand ein Teller mit H\u00e4ppchen.<br \/>\n&#8220;Setzt euch, setzt euch, m\u00f6chtet ihr vielleicht etwas anderes? Kaffee?&#8221;<br \/>\nDiese nicht erwartete Gastfreundschaft lie\u00df uns viel l\u00e4nger verweilen, als wir geplant hatten. Stunden sp\u00e4ter im Auto zog mein Freund nachdenklich ein Res\u00fcmee: \u201eEin interessanter Mensch. Er scheint sehr einsam zu sein, er wollte uns nicht mehr fortlassen\u201c.<br \/>\nAuf mich wirkte er recht sympathisch, aber trotz aller Beredsamkeit etwas scheu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Na, komm rein.\u201c Seine Stimme klingt durch die Sprechanlage leise und belegt. Einen Augenblick z\u00f6gere ich. Wie wird es werden? Mir ist ein wenig beklommen zumute, ach egal, ich bin gro\u00df und erwachsen und er auch.<br \/>\nDie T\u00fcr steht halb offen, im Hintergrund singt eine mir unbekannte Band: \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist\u2019.<br \/>\nIch denke, das trifft es.<br \/>\nEr schaut mit ger\u00f6tetem Gesicht aus der K\u00fcche: \u201eKomm doch herein, ich koche noch.\u201c<br \/>\nEs klingt euphorisch, wie er mir detailliert berichtet, wie und wo er die Zutaten gekauft hat.<br \/>\n\u201eAls ehemalige Rheinl\u00e4nderin wei\u00dft du doch sicherlich einen guten Sauerbraten zu sch\u00e4tzen. Wie sch\u00f6n, dass du da bist. Meinst du das Essen reicht? Ich habe ja schon gekostet.\u201c<br \/>\nWir stehen in seiner K\u00fcche, reden Belangloses. Ich merke, dass er nicht mehr n\u00fcchtern ist, dass er fast die T\u00f6pfe vom Herd rei\u00dft. Oh shit, denke ich. In seinem Eifer tut er mir Leid. Abwarten! Ich frag mich, warum er so aufgeregt ist, m\u00f6chte ihm sagen, hey, ich bin&#8217;s doch nur.<br \/>\nEr spr\u00fcht vor Ideen: &#8220;Wei\u00dft du, ich werde ein neues Projekt machen, habe eine Reise geplant, schau dir gleich auf dem Computer an, was ich geschrieben habe. Die arabischen L\u00e4nder werden der Reisemarkt der Zukunft sein.&#8221;<br \/>\nEr redet, es flie\u00dft aus ihm heraus. Ich kann nur bewundernd zuh\u00f6ren, ab und an genervt dreinschauen, mal den Topf vor dem Runterfallen retten, mal die Flasche Wein, aus der er gro\u00dfz\u00fcgig eingie\u00dft.<br \/>\n&#8220;Hier trink, M\u00e4dchen, habe extra guten Wein gekauft, ach ein bisschen davon in die Sauerbratenso\u00dfe, probier mal, schmeckt das nicht gut?&#8221;<br \/>\nIch denke mir, warte ab. Er reicht mir einen Probierteller, auf dem ein seltsam grauer Kartoffelklo\u00df in So\u00dfe schwimmt.<br \/>\n&#8220;Der sollte eigentlich nach dem Rezept meiner Mutter werden, ist nun aber doch aus der T\u00fcte, weil ich die Zeit nicht hatte, alles ordentlich vorzubereiten. Ist das okay?&#8221; Besorgt sieht er mich an, gibt verschwenderisch in Weinso\u00dfe gegarten Sauerbraten zu dem Klo\u00df auf meinem Teller. W\u00e4hrend ich koste, eilt er immer wieder ins Wohnzimmer und spielt diese Platte. \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist.\u2019<br \/>\nNachdem wir die zweite Scheibe Braten im Stehen gekostet haben, zieht er zwei Teller aus dem Regal hervor. Ich breche in Lachen aus: &#8220;Du willst doch nicht wirklich noch im Wohnzimmer essen?&#8221;<br \/>\nEr erwidert mein Lachen und sieht mich zum ersten Mal richtig an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann landen wir tats\u00e4chlich im Wohnzimmer.<br \/>\n&#8220;Liebe Kathi, wie versprochen, nun gibt es die Musikshow, ich habe extra den Plattenspieler repariert.&#8221;<br \/>\nEr mimt den Conf\u00e8rencier und ja, er hat was drauf, absolut geile Rockmusik aus den 70ern bis 90ern und dann: \u201eechte\u201c Koblenzer Musik &#8230; die unbekannte Band von vorhin. Er gestikuliert wild: &#8220;Das h\u00e4ttest du nicht erwartet, nicht wahr? H\u00f6r, es dir an.&#8221;<br \/>\nHat er da mitgespielt, fast scheint es so.<br \/>\n&#8220;In Koblenz, ja, da haben wir fr\u00fcher richtig was losgemacht, das h\u00e4tte dir gefallen.&#8221;<br \/>\n\u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist in deiner Haut, ich hab nur auf den Augenblick vertraut\u2019.<br \/>\nDer Text bannt mich, ich wei\u00df, wer ich bin, aber wer bist du?<br \/>\nEr taumelt zur Musikanlage, torkelt gegen die Heizung, zieht sich daran wieder hoch und l\u00e4chelt verschmitzt.<br \/>\nEigentlich hasse ich Alkis, mir wird \u00fcbel, wenn Leute bis zur Besinnungslosigkeit trinken. Warum toleriere ich das bei ihm? Toleriere ich es \u00fcberhaupt? Warum zieht mich der Song in einen Bann, aber ihm sehe ich eher teilnahmslos zu? Hatte er Angst vor meinem Besuch und deswegen schon vorher getrunken?<br \/>\nIch sage: \u201eWei\u00dft du was, ich geh gleich heim. Du kannst dich ausschlafen und sp\u00e4ter reden wir mal.\u201c<br \/>\nUnbeteiligt sehe ich zu, wie er fast hinf\u00e4llt, als er eine neue Platte auflegen will. Dann blinzelt er mich listig an: &#8220;Ich spiele dir mal geile Musik vor.&#8221; \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist\u2019.<br \/>\nIch sage: \u201eDie kenne ich doch, die lief heut schon so oft. Pass auf, die LP klaue ich dir gleich.\u201c<br \/>\nEr grinst: \u201eDoch nicht du!\u201c<br \/>\nEr schenkt mir ein, ich lache: \u201eDu schaffst es eh nicht, meinen Level dem deinen anzugleichen.\u201c<br \/>\n\u201eWie meinst du das?\u201c<br \/>\nIch frage ihn sehr direkt: &#8220;Warum hast du so viel getrunken, bevor ich kam? Das war mindestens eine Flasche Wein.&#8221;<br \/>\nVerunsichert schaut er mich an: &#8220;St\u00f6rt dich das sehr?&#8221;<br \/>\n\u201eJa, sicher, was denkst denn du?\u201c<br \/>\nEine kurze Zeit sinniert er, h\u00e4lt sich am Sessel fest: \u201eUnd nun, verabscheust du mich?\u201c<br \/>\nMeine Antwort \u00fcberrascht mich selbst: \u201eBl\u00f6dsinn, spiel mir noch einmal diese LP vor.\u201c<br \/>\nEr h\u00e4lt sich an den M\u00f6beln fest, erwidert z\u00f6gernd mein L\u00e4cheln, tastet sich vor zum Plattenspieler, der in der Ecke steht.<br \/>\nIch ertappe mich dabei ihm zuzusehen, wie er versucht, das Gleichgewicht zu halten.<br \/>\nDann vergesse ich ihn. \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist in deiner Haut\u2019. Ich schlie\u00dfe die Augen und f\u00fchle mich schwebend, versinke in Rhythmus und Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als das Lied endet und ich aus meinen Gedanken erwache, liegt er schlafend auf dem Teppich, den Kopf an einen Sessel gelehnt. F\u00fcnf Minuten sitze ich da, beobachte ihn. Langsam stehe ich auf, nehme die LP vom Plattenteller, hole im Flur eine Plastikt\u00fcte, stecke sie hinein und gehe noch mal zu ihm zur\u00fcck.<br \/>\nEr liegt dort, schl\u00e4ft tief und fest seinen Trunkenheitsschlaf. Zaudernd betrachte ich ihn eine Weile. Dann ziehe ich meine Jacke an und verlasse die Wohnung. Auf dem Weg zur Bushaltestelle rinnen mir vereinzelte Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen. Teilnahmslos wische ich sie fort. \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist in deiner Haut.\u2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sitze ich hier, die T\u00fcte mit der LP neben mir, in meinem Kopf verheddern sich die Gedanken. \u201aIch wei\u00df nicht, wer du bist in deiner Haut, ich hab nur auf den Augenblick vertraut\u2019&#8230;<\/p>\n<p>Montag kaufe ich mir einen Plattenspieler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ein Lebtag habe ich noch nichts gestohlen, heute ist das erste Mal. 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